Wir machen leidenschaftliches Theater für ein leidenschaftliches Publikum.
Die Welt hat sich verändert. Dieser lapidare Satz, der täglich, stündlich, sekündlich seine Bedeutung neu bestätigt, hat seit der Banken-, Finanz- und Wirtschaftskrise seine Gültigkeit auf verschiedenste Weise, gesellschaftlich wie persönlich, unter Beweis gestellt. Fragen nach Verantwortlichkeit, nach Ethik, nach Bescheidenheit, nach Lebensplanung, nach Glück und Zufriedenheit, nach individuellem und sozialem Bewusstsein stellen sich seit dem lautlosen Wirtschafts-Crash im alltäglichen Leben aller Individuen lautstark neu, gleich, auf welchem gesellschaftlichen Level man sich individuell oder gesellschaftlich bewegt. Alles dreht sich mal wieder um Geld, alles dreht sich um die Frage, wie verdiene ich es, wie gewinne ich es, wie verliere ich es, was bedeutet es für mein Leben. Geld wird zum Urknall allen Geschehens, und nicht nur in der Kunst bedeutet Geld Sponsorentum, denn Sponsoren entscheiden über die Möglichkeit des Erblühens oder Vertrocknens.
Das alles sind existentielle Fragen, die sich das Kunstmedium Theater in seinen Stücken und Aufführungen schon immer auf unterschiedliche Weise gestellt, und schon immer auf unterschiedlichste Weise, je nach Künstlern und Standpunkt, beantwortet hat.
Aber etwas hat sich in unserer Gesellschaft gewandelt: die Wahrnehmung unseres Lebens, die Vermittlung dieser Wahrnehmung, die Rolle, Präsenz und Notwendigkeit der uns die Welt vermittelnden Medien. Sie sind die zentrale Instanz für alle Lebensbotschaften: von der sensationellen Schreckensnachricht, vom Wirtschafts-Crash, vom Wetterbericht, von den neuesten Entscheidungen der Politik bis hin zum Horoskop, zu Gesundheitstipps, gefundenen deutschen Superstars - alles als Ablenkung vom lastenden Alltag, der, um überleben zu können, diese Boulevardisierung der Erfahrungen braucht und damit die Hoffnung eines möglichen Superaufstiegs sozial zur Verfügung hält, um all jene, denen ein solcher Höhenflug verwehrt ist, nicht in triste Bedeutungslosigkeit versinken zu lassen. Allein das mediale Dabeisein suggeriert schon Sinn, Lebenssinn, auch dort, wo in der Lebensrealität vielleicht schon längst keiner mehr deutlich auszumachen ist. Eine ganze (Bewusstseins)Industrie ist mit der Herstellung und Verbreitung von solchen Surrogatprodukten beschäftigt Marketing und Medien bestimmen unsere Weltsicht.
Deshalb ist ein wichtiges Stichwort gesellschaftlichen Handelns der Begriff der Medienkompetenz geworden, der bewusst erlernte emanzipatorische Umgang mit unserer geistigen Beeinflussungsproduktion. Dieses globale Feld ist der Blickwinkel, mit dem wir die vielfältigen Stücke der vor uns liegenden Saison auf unterhaltsame Weise betrachten wollen.
Der Spielplan 2009/2010 ist unsere mit Ihnen gemeinsam erlebte Auseinandersetzung mit unserer sich wandelnden medialen und gesellschaftlichen Realität, wobei gerade in der scheinbar leichten Unterhaltung manchmal auch Abgründe menschlichen Daseins zu Tage treten. In jedem Lachen steckt vielleicht eine tragische Erkenntnis.
Wir machen leidenschaftliches Theater für ein leidenschaftliches Publikum.
Und deshalb wünsche ich Ihnen und uns eine lebendige neue Spielzeit und freue mich, Sie, und Sie und vielleicht auch Sie wieder oder neu in unserem E.T.A.-Hoffmann-
Theater begrüßen zu können.
Herzlichst
Ihr
Rainer Lewandowski