SPIELZEIT 2012/13 | Junge Stücke
JUNGE AKTUELLE STÜCKE: Aussetzer, Bandscheibenvorfall, Electronic City (Airport Romance)
Moderne Stücke stoßen bei Jugendlichen meist auf größeres Interesse. Sie behandeln aktuelle Fragen und treffen den Zeitgeist. Sie eignen sich daher nicht nur zur Begleitung des Themas „modernes Drama", sondern auch als Basis für Diskussionen und Erörterungen, nicht nur im Fach Deutsch. Aussetzer, Bandscheibenvorfall und Electronic City (Airport Romance) sind zeitgenössische Stücke, die gerade junges Publikum besonders ansprechen dürften und alle drei sehr zu empfehlen zur Behandlung eines modernen Dramas.
Aussetzer
// Lutz Hübner
Dezember/Januar | Packendes Jugendstück über Gewalt an der Schule und was daraus entstehen kann
Das für gerade einmal zwei Personen geschriebene Stück setzt sich auf realistische und zeitgemäße Weise mit der Frage auseinander, was passieren kann, wenn zwei Parteien, die beide mit dem System Schule überfordert sind, aufeinander treffen. Das Verhältnis zwischen einem Schüler und seiner Lehrerin, beide zutiefst verwirrt über die plötzliche Eskalation und unsicher darüber, wie es nun weiter gehen soll. Der Wechsel zwischen Dialog und Monolog sowie das Spiel mit dem Publikum ermöglichen dem Zuschauer, viel über das Innenleben der Handelnden zu erfahren. Man lernt beide Seiten kennen, die verschiedenen Gedanken, die sich zwei so verschiedene Menschen zu derselben Situation machen. Wie soll man sich verhalten? Gibt es hier ein Richtig und ein Falsch? Kann man den Teufelskreis durchbrechen und der Gewaltspirale entkommen?
Bandscheibenvorfall
Ein Abend für Leute mit Haltungsschäden
// Ingrid Lausund
Februar | Eine Farce aus dem Leben moderner Angestellter, geprägt von einem zeitgemäßen Schreibstil, genial-absurden Ideen, schwarzem Humor und surrealen Elementen
„Es geht nur noch um Optionen, um das Maximieren von Optionen und darum, noch mehr Optionen offenzuhalten." Auf absurd-komische Weise schreibt Ingrid Lausund über Selbstoptimierungsstrategien im Arbeitsalltag. Man muss punkten, um jeden Preis. Ein kleines Magenleiden oder Schlafstörungen sind notwendige Opfer. Mitgefühl ist Schwäche. Die eiskalten Machtspielchen werden durch höchst wörtlich genommene Messer im Rücken und andere unkonventionelle stilistische Variationen gleichzeitig verfremdet und veranschaulicht. Mit ihrem Stück über die Skrupel- und Rückgratlosigkeit moderner Angestellter in einer Zeit, in der Burn-out und Erschöpfungserscheinungen teils schon in der Grundschule beginnen, trifft Ingrid Lausund im wahrsten Sinne des Wortes den Nerv der Zeit.
Electronic City (Airport Romance)
// Falk Richter
März/April | Ein Stück, das die Geschwindigkeit, den Druck der modernen Welt fühlbar macht
„Unsere Art zu leben" heißt es bereits auf der ersten Seite des Textes. Diese Aussage wirkt beklemmend vor dem Hintergrund der folgenden Geschichte, die so wirr und schnell an einem vorbeizieht, dass man sich einmal mehr die Entschleunigung der Zeit herbeisehnt. Atemlosigkeit, Orientierungslosigkeit und Erschöpfung bestimmen das Stück. Falk Richter entwirft ein dystopisches Porträt einer „modernen Entfremdung", eine Extremdarstellung der schnellen gehetzten Welt, unserer Leistungsgesellschaft. Kurze, abgehackte Sätze, Schleifen, Wortkaskaden und die systematische Verschränkung von Haupt- und Nebentext, von Figuren- und Metaebene, transportieren die thematische Atem- und Orientierungslosigkeit auch auf formaler Ebene. Effektvoll konterkariert werden die Schrecken der modernen Welt, in der Flexibilität und Abwechslung alles gelten, durch eine Liebesbeziehung, die sich gegen Ausgebranntheit und innere Leere durchsetzen will.