Tanz aus Leidenschaft
// Daniela Rüger feiert in dieser Spielzeit 2009/2010 ihr 20-jähriges Jubiläum am E.T.A.-Hoffmann-Theater
Seit wann wissen Sie, dass Sie als Tänzerin, Choreografin und Tanzpädagogin Ihr Leben erfüllen wollen?
Ich war, geprägt durch mein musikalisches Elternhaus, schon sehr früh als Kind der Faszination Musical erlegen. Motiviert durch „Mary Poppins“ nahm ich Unterricht in Ballett, Jazz und Stepptanz und versäumte keinen einzigen Musikfilm angefangen von Peter Kraus, Peter Alexander über Judy Garland und Gene Kelly, Fred Astaire, Liza Minelli bis hin zur Westside Story. In meiner damaligen Ballettschule liebte ich es, bei „getanzten Geschichten“ auf der Bühne zu stehen und war während meiner gesamten Schulzeit in Theatergruppen aktiv.
Dass sich mein bis dahin leidenschaftliches Hobby später als Beruf abzeichnen würde kristallisierte sich erst langsam Mitte der 80er Jahre nach meinem Studium der Diplom-Pädagogik hier in Bamberg heraus. Zunächst gab ich Kurse im allgemeinen Hochschulsport an der Uni, und 1985 fing ich gemeinsam mit dem Percussionisten Werner Silzer auf eine Anzeige hin an, bei der damaligen Alternativen VHS Tanz und Trommeln zu unterrichten, machte eine Zusatzausbildung zur Tanzpädagogin in München, besuchte unzählige Workshops mit internationalen Tanz-Dozenten im In- und Ausland, um möglichst viele verschiedene Stilrichtungen kennenzulernen.
Nach langjähriger Vorstandschaft und Dozententätigkeit bei der AVHS gründeten wir 1992 unseren eigenen kulturellen Verein „Body & Soul“, sprich unsere Schule für Tanz und Percussion.
Neben dem Unterricht für Kinder, Jugendliche und Erwachsene habe ich selbst bei vielen Veranstaltungen getanzt und schon damals viele Shows für unterschiedlichste Anlässe choreografiert. Das hat sich bis heute kontinuierlich weiterentwickelt und wie man so schön sagt, bin ich an meinen Aufgaben gewachsen. Oftmals erstaunt es mich selbst, wenn ich mir bewusst mache, dass aus meinem „Hobby“ meine „Berufung“ geworden ist.
Wie und wann sind Sie mit dem E.T.A.-Hoffmann-Theater in Kontakt gekommen? Können Sie sich noch an Ihren ersten Auftritt hier erinnern?
Eine meiner damaligen Schülerinnen Ingeborg Denzler war Souffleuse hier am Haus und machte mich 1990 darauf aufmerksam, dass der neue Intendant Rainer Lewandowski das Musical CABARET auf die Bühne bringen wolle und dass Tänzerinnen dafür gesucht werden. Also habe ich mich vorgestellt und gemeinsam mit zwei weiteren Tanzkolleginnen aus Bamberg den „Job“ als KitCat-Clubgirl bekommen. Mit Volker Wolf, Madleine Giese, Ottmar Schott, Detlef Hüpken, Hans Pomarius und Karin M. Schneider, Florian Walter, Ernst Hofstetter, Manfred Gerling, Arnim Servas u.v.m. auf der „richtigen“ Musicalbühne zu stehen und obendrein mit unserem liebenswerten, damaligen Verwaltungsleiter Karl Fischer das Tanzbein schwingen zu dürfen, sollte wohl der Anfang meiner Theaterlaufbahn sein.
Im gleichen Jahr bat mich Rainer Lewandowski um die Choreografie für sein Märchen WEIHNACHTEN IN GEFAHR und ich durfte unseren unvergessenen Weihnachtsmann Manfred Gerling mit Pinguinen und Wichteln tanzen lassen.
Von da an war ich mit dem Theatervirus infiziert und wirkte bis heute vorwiegend als Choreografin, manchmal auch als Tänzerin auch gemeinsam mit Schülern aus meiner Schule und neuerdings als Regisseurin bei Märchen und musikalischen Produktionen mit.
Ist man als Tänzerin automatisch Choreografin?
Nein, nicht unbedingt, bei mir gab es eine Art Brückenschlag: Durch meine langjährige Unterrichtsarbeit in verschiedenen Tanzrichtungen, wie Jazz, Modern, Hip Hop und afrikanischer Tanz, „choreografierte“ ich für meine Schüler schon immer bühnenwirksame Auftritte.
Als mich Rainer Lewandowski nach meinem Tanz-Engagement in dem Musical CABARET bat, für sein Weihnachtsmärchen WEIHNACHTEN IN GEFAHR die Choreografie zu erstellen, war das eine neue Herausforderung. Ich arbeitete hierbei das erste Mal mit Menschen, von deren Tanzvorkenntnissen ich keine Vorstellung hatte. Die Kunst bestand und besteht bis heute darin, gezielt, mit viel Fantasie und Vorstellungsvermögen für eine Szene, Tanzmaterial zu erfinden, mit dem die Schauspieler in ihrer jeweiligen Rolle spielerisch umgehen können und sich wohlfühlen.
Beim Publikum soll der Eindruck entstehen, als passiere alles spontan. Das ist für mich überhaupt die Basis für jede choreografierte Szene, ob im Musical oder Schauspiel.
So versuche ich seit all diesen Jahren, meinen großen amerikanischen Vorbildern nachzueifern und meinen Hauch von „Broadwayanspruch“ mit unseren hiesigen Möglichkeiten zu verwirklichen.
Sie haben in den letzten zwanzig Jahren an über 60 Produktionen mitgewirkt. Welche waren Ihre Highlights?
Oh, viele viele. An sich war und wird für mich immer das aktuelle Stück zum Highlight. Ich versuche trotzdem mal was rauszupicken:
Absolute Nr. 1 war LADIES NIGHT mit meinen tapferen „local heroes“, die in einem Vier-Minuten-Strip ihre Seele und ihren Körper offenbarten.
Dann LINIE 1 mit den „Wilmersdorfer Witwen“ und dem „Ausfliptanz“ des U-Bahn-Hippies“.
BLACK RIDER eine „Choreografie am Gewehr“ auf die Musik von Tom Waits.
MY FAIR LADY mit Manfred Gerling in seiner brillanten Rolle des Alfred Doolittle.
ELVIS mit Bruno Lehan als Reinkarnation seines hüftschwingenden Gesangsidols.
SUGAR mit Daphne und Osgood und ihren unvergleichlichen Shownummern.
KEINE PANIK, EIN JAHRHUNDERT GEHT SCHNELL VORBEI, meine choreografisch größte Herausforderung. Es galt, mit 120 musikalischen Zitaten tänzerisch durch ein Jahrhundert zu wirbeln.
WENN DER KONNY MIT DER PETRA für die besondere Anerkennung von Peter Kraus, der mir sagte dass er weiß, wie viel harte Arbeit hinter der angeblich leichten Muse steckt.
DER URKNALL - das aktuellste Highlight. Mit nur zwei Schauspielern die Geschichte der Welt choreografisch darzustellen ist der Knüller.
Die Weihnachtsmärchen sind eine „Highlight-Konstante“, weil sie mir die Möglichkeit bieten selbst noch einmal in die kindliche Vorstellungswelt einzutauchen und über die Choreografie hinaus auch szenisch zu gestalten.
Wie hat sich Ihre Herangehensweise bzw. Ihre Arbeitsweise in den letzten zwanzig Jahren entwickelt?
In meinen choreografischen Anfängen lag der Fokus vielleicht noch etwas mehr auf der Auswahl von „reinem Schrittmaterial“. Im Laufe der intensiveren Zusammenarbeit mit Regisseuren und Schauspielern gewann ich immer mehr Erfahrung die jeweiligen Inhalte einer Situation im Tanz darzustellen, besser gesagt sie durch Bewegung und Musik zu vertiefen und weiterzuführen. Nach mittlerweile über 60 Produktionen habe ich auch eine bessere Einschätzung darüber, was und wie viel ein Stück oder ein Schauspieler an „Tanz-Input“ vertragen kann.
Dennoch ist jede Aufgabe an sich wieder neu. Trotz 20-jähriger sogenannter Routine gilt es mit viel Fantasie eine Vision vom jeweils neuen Stück zu haben und es mit individuellen Ideen zu gestalten. Darin liegt ja gerade der Reiz. Ich liebe es nach den großen amerikanischen Vorbildern in Musicals die Geschichte und die Charaktere im Tanz auszudrücken.
Was sind Ihre choreografischen Vorbilder?
Oh, da gibt es so viele: aber allen voran stehen Bob Fosse, Jerome Robbins, Gene Kelly, Fred Astaire.
Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit den Regisseuren? Sind Sie auch bei den szenischen Proben dabei?
Sie ist sehr wichtig. Ich muss genau wissen, welche Vorstellungen ein Regisseur und auch der musikalische Leiter für ein Stück haben und mit den meinen abgleichen. Ich bin deshalb auch so oft es geht bei den szenischen Proben dabei. Ich muss wissen wie die Charaktere oder Situationen angelegt werden, um den sanften Übergang in die Musik und den Tanz zu gestalten. Es ist ein kreatives Zusammenarbeiten und ein Zuspiel von Ideen, das auf gegenseitigem Vertrauen in die jeweiligen Aufgabenbereiche und Stärken basiert. Das hat bislang ganz gut geklappt und ich freue mich sehr, mit so vielen unterschiedlichen Regisseuren zu beiderseitiger Zufriedenheit gearbeitet haben zu dürfen. Allen voran Rainer Lewandowski, der mir all die Jahre sein Vertrauen in meine Arbeit geschenkt hat und mich mit immer mehr Herausforderungen künstlerisch wachsen lassen und mir freie Hand bzw. Fuß gelassen hat.
In VICTOR/ VICTORIA stehen Sie seit längerer Zeit wieder selbst auf der Bühne. Wie wirkt sich das auf die Choreografien aus?
Vordergründig gesehen gibt es da erstmal keinen Unterschied, denn alles, was ich mir bisher für Schauspieler, Statisten und Tänzer bei Musicals ausgedacht habe, muss, den jeweiligen Gegebenheiten natürlich angepasst, auch für mich selbst optimal stimmig sein. Das heißt beim Entwickeln der „Schritte“ muss ich die „zündende Idee“ so ausführen, dass ich selbst jeden Moment in der Rolle, Lust hätte auf die Bühne zu springen.
Bei VICTOR/VICTORIA gibt es allerdings einen kleinen Unterschied und besonderen Vorteil. Ich konnte mir endlich einen langjährigen Wunsch erfüllen: nämlich gemeinsam mit meinen Profi-Tanzfreunden, zum Teil extra aus München angeflogen, in einem Broadway-Musical auf der Bühne zu stehen. Da hab' ich bei der Gestaltung und Ausführung der Choreografien natürlich ein paar mehr Möglichkeiten, mich auszutoben und einen Hauch Bob Fosse-Flair auf unsere Bühne zu zaubern. Wir sind eine so bunt gemixte super Truppe und jeder bringt seine Besonderheiten und seine Stärken mit Liebe und Leidenschaft für den Tanz in diese Produktion ein. Das ist wirklich ein Geschenk für mich zu meinem 20-jährigen E.T.A.-Hoffmann-Theater-Dienstjubiläum.
Seit einigen Spielzeiten führen Sie auch Regie. Was fasziniert Sie daran? Wie nähern Sie sich den Stücken?
Als Regisseurin im klassischen Sinn bin ich natürlich noch ein absolutes „Jungfohlen“. Rainer Lewandowski hat mir die Märchen STRUWWELPETER, KALIF STORCH, NUSSKNACKER UND MÄUSEKÖNIG, die Hommage WENN DER KONNY MIT DER PETRA und zuletzt das Weihnachtsmärchen DES KAISERS NEUE KLEIDER vertrauensvoll angetragen und ich bin gemeinsam mit den Schauspielern an diesen Herausforderungen gewachsen. Durch die langjährige Arbeit mit Regisseuren bei den szenischen Proben habe ich quasi hospitierend viel gelernt und als Choreografin in gewisser Weise ja auch zur Regie beigetragen. Insider nennen mich auch schon mal „Regiografin“.
Wo nehmen Sie all’ Ihre Energie her, auch in schwierigen Probensituationen positiv zu bleiben und motivierend alle zur Höchstleistung zu bringen?
Gute Frage, manchmal weiß ich es selbst nicht so genau, wie ich das alles auch neben meiner Schule und dem Unterrichten so schaffe. Ich habe mittlerweile zur Unterstützung tolle Mitarbeiter bei „Body & Soul“, die mich während meiner Theaterarbeit teilweise vertreten, sonst wäre mein Einsatz hier unmöglich. Aber meine persönliche Faszination für dieses Metier gibt mir im Wechselspiel mit dem Gegenüber Kraft, wie auch in meiner Schule, in der ich ja auch im Unterricht Erlebniswelten mit Tanz inszeniere, mit vielen Menschen zusammenkomme und man gemeinsam mit viel Geduld und Motivation kreativ ein Ziel verfolgt.
Interview vom 17. Mai 2010, Bamberg
Die Fragen stellte Kea Flörcken.